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„Verdammt, das wird knapp!“, fluche ich und hetze die
Treppen zur Abfahrtshalle hinauf. Ich habe noch kein Ticket.

„Achtung, werte Reisende“, klingt die melodische
Computerstimme aus den Lautsprechern, „IC508 von Friesenburg
nach Dammheim Ost, ursprüngliche Abfahrtszeit 21:32 Uhr,
heute ca. fünfzehn Minuten Verspätung. Ich wiederhole …“

Keuchend komme ich zum Halt und atme erleichtert auf. Wenn
der Fahrscheinautomat mitspielt, könnte sogar noch ein Espresso
to go drin sein. Und tatsächlich gelingt es mir, mich
innerhalb von nur drei Minuten durch die Menüführung des
Automaten zu arbeiten. Ich schaffe es sogar, der
Frage nach Bahncard und Vorteilspunkten zu entgehen.

„Werte Reisende, wir weisen darauf hin, Ihr Gepäck
aus Sicherheitsgründen bitte nicht unbeaufsichtigt zu
lassen, vielen Dank.“

„Da hat wohl jemand nicht zu gehört“, denke ich, als ich auf
dem Weg zum Coffeeshop, fast über eine Reisetasche
stolpere. Meiner guten Laune tut das keinen Abbruch. Zumal
ich schon von Weitem sehe, dass keine weiteren Kunden meinem
Espresso im Weg stehen.

„Einen Espresso doppio to go bitte“, bestelle ich wenige
Augenblicke später und trete, meinen Becher in der Hand,
genau in dem Moment aus dem Shop, als die Ansage „Achtung,
werte Reisende IC 508 von Friesenburg nach …“,
erklingt. Da stolpere ich — diesmal nun doch — über die
verwaiste Reisetasche. Mir wird schwarz vor Augen.

„Wow, das hat sicher wehgetan.“ Eine junge Frau mit
rot gefärbten Haaren und Lippenpiercing reicht mir die Hand, um
mir aufzuhelfen.

„Ach was, alles gut!“, erwidere ich mich erhebend, „Außer
einem verschütteten Kaffee, ist weiter nix passiert.“

„Nichts passiert? Du hattest einen Herzinfarkt“, lacht sie
mich an. „Na, dann habe ich mich aber gut erholt“, versuche
ich auf ihren merkwürdigen Humor einzugehen.

„Ah, so einer bist Du! Willst es nicht wahrhaben, was? Du
bist tot man.“ — „Schon klar!“, grummele ich, ich hab jetzt
wirklich keine Zeit für so etwas, „Jetzt muss ich aber zum
Zug.“

„Ich fürchte, der Zug ist abgefahren“, erwidert die junge
Frau, „Wir warten hier nur noch auf den Zug in die
Hölle. Ich bin übrigens Jenny, 12. August 2012, Selbstmord.“

Ich beginne mich zu fragen, ob ich bei dem Sturz, doch etwas
mehr abbekomme habe, oder ob ich einfach an eine Verrückte
geraten bin. Ein Blick auf die Anzeigetafel mit den
Abfahrtszeiten zeigt allerdings, dass Jenny in einem Punkt
recht hat: Mein Zug ist weg. „Verdammt, wie lange war ich
denn weggetreten?“, fluche ich. 22:00 Uhr zeigt die Uhr
auf der Anzeigentafel.

„Ach, Zeit spielt keine Rolle mehr“, meint Jenny, die
offensichtlich fest entschlossen ist, ihr Spielchen
durchzuziehen.

„Schon gut, Jenny. War nett Dich kennenzulernen“, erwidere
ich, bemüht höflich zu bleiben, „Ich muss jetzt aber
wirklich weiter. Der nächste Zug, den ich nehmen kann, fährt
um 22:12 Uhr und ich brauche noch einen neuen Kaffee.“

Ich gehe zurück in den Coffeeshop. Hinterm Tresen steht
eine neue Bedienung. Merkwürdig, dass die um die Zeit noch
mal wechseln. Der Laden macht um 23:00 Uhr zu.

„Einen Espresso doppio to go“, bestelle ich erneut. „Tut mir
leid: kein Verkauf an Verstorbene“, erwidert die Frau
hinterm Tresen. Dann lacht sie und sagt: „Ich hoffe Jenny,
hat Sie nicht zu sehr erschreckt.“

„Verstehe!“, lache nun auch ich, „Das macht die wohl öfters.“

„Ja, das ist so ’ne Art Hobby von ihr. Was hat sie Ihnen
denn erzählt?“

„Ich bin angeblich an einem Herzinfarkt gestorben, nachdem
ich über die Reisetasche da draußen gestolpert bin. Na,
wenigstens hab ich nichts gemerkt.“

„Die spinnt echt, unsere Jenny. Hat eine blühende Fantasie.“

„Ja. Ähm, bekomme ich nun meinen Espresso?“, dränge ich,
„Ich will nicht noch einen Zug verpassen.“

„An einen Herzinfarkt würden Sie sich erinnern.“, die
Bedienung scheint nicht daran zu denken, mir einen Espresso
zuzubereiten, „Bin selbst so gestorben. Wollte gerade einen
Café Latte machen und argh … das tat weh. Da hatten Sie
echt Glück: Die Bombe hat sie kurz und schmerzlos
dahingerafft.“

„Ja, schön! Sie haben auch Fantasie, aber mein Zug kommt in
sieben Minuten. Könnte ich jetzt meinen Espresso …“,
versuche ich es noch einmal, aber die Bedienung fällt mir
ins Wort: „Kein Verkauf an Verstorbene. Sagte ich doch.“

„Ach, verdammt! Mir reicht’s!“, fluche ich und verlasse den
Coffeeshop. Die verfluchte Reisetasche steht auch immer
noch da. Bei meinem Glück heute wird sie wahrscheinlich
gleich irgendwer von der Bahnhofssicherheit entdecken und
den Bahnhof evakuieren.

Ich gehe zu Gleis sieben, wo mein Zug in wenigen Minuten
eintreffen wird und setzte mich auf eine der Bänke, um zu
warten.

„Werte Reisende, wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit, aufgrund
der Erkrankung eines Fahrgastes kommt es zu erheblichen
Verspätungen und Zugausfällen. Bitte beachten Sie die
Lautsprecherdurchsagen für weitere Informationen. Wir bitten
um Entschuldigung“, klingt es aus den Lautsprechern.

Na, toll! Das war ja klar. Ich frage mich nur, wie ein
einzelner Selbstmörder es schafft, den gesamten Zugverkehr
in einem Bahnhof dieser Größe zu stören? Da stimmt doch
irgendwas nicht. Hat das Ganze womöglich doch mit der
verwaisten Reisetasche zu tun. Aber dann würde der Bahnhof
doch sicher evakuiert werden.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als ein älterer Herr
sich neben mich sitzt. Es ist noch einiges los hier für die
späte Uhrzeit. „Na, und woran sind Sie gestorben“, wendet
sich der Mann an mich. „Oh, danke der Nachfrage. Ich bin
quicklebendig, nur etwas genervt, wegen dieser
Verspätungen.“

Der Mann lächelt mich an: „Na, endlich mal ein normaler
Mensch. Irgendwie spinnen hier heute alle. Mir habe schon
vier Leute versucht einzureden, ich sei verstorben und würde
hier auf den Zug in die Hölle warten.“

„Na, wenigstens geht es nicht nur mir so“, erwiderte ich
erleichtert, „Ich bin auch froh hier, endlich einem normalen
Menschen zu begegnen. Frank Reiher, sehr erfreut.“

„Günther Grass, ebenfalls sehr erfreut“, antwortet der
Mann. „Wie der Schriftsteller?“, frage ich. Der Mann sieht
mich empört an. Er sieht Günther Grass tatsächlich ein wenig
ähnlich. „Nicht wie — ich bin es. Höchstpersönlich.“

Soweit zu der Hoffnung an diesem Abend auf einen normalen
Menschen zu treffen. „Dann tut es mir leid“, kann ich mir
nicht verkneifen zu sagen, „Sie sind tot. Schon ein paar
Monate. Stand in der Zeitung. Weiß nicht mehr genau wann,
aber ist schon länger her.“

„Mir reicht’s! Nur, Irre hier!“, flucht Günther Grass und
erhebt sich, um sich kopfschüttelnd zu entfernen. Und damit
hat er ja irgendwie auch recht.

Mir reicht’s auch. Mein Zug kommt doch heute eh nicht mehr.
Da kann ich auch morgen früh fahren. Ich hole mein Handy
raus, um meiner Frau Bescheid zu sagen, dass ihr ruhiger
Abend ohne mich heute ausfällt. Der Wählton erklingt. Ich
warte. „Kein Anschluss unter dieser Nummer!“, kommt die
Ansage. Jetzt spinnt auch noch mein
Mobil­funk­anbieter. Verstorbene werden wohl nicht
verbunden.

Ich gehe zum Taxistand. Die Fahrer unterhalten sich
rauchend. Ich gehe auf den Ersten zu. „Schönen guten Abend
der Herr. Aber tut uns leid, wir fahren nicht in die
Hölle. Da müssen Sie schon den Zug nehmen“, spricht mich
einer der Fahrer an. Wenigsten machen alle mit, bei diesem
albernen Spiel.

„Das macht nichts“, antworte ich matt, „In der Hölle war ich
schon, jetzt will ich einfach nur noch nach Hause.“ Ein
breites Lächeln macht sich auf den Gesichtern der Taxifahrer
breit. „Heimfahren wollen Sie? Na, dann steigen Sie mal ein.“

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